| Veranstaltung: | LDK Suhl 2026 |
|---|---|
| Tagesordnungspunkt: | 7. Sonstige Anträge |
| Antragsteller*innen: | LAG Wirtschaft und Finanzen (dort beschlossen am: 19.10.2026) LAG Wirtschaft und Finanzen (dort beschlossen am: 19.10.2026) |
| Status: | Eingereicht |
| Eingereicht: | 20.10.2026, 21:13 |
A2: Herausforderung demografischer Wandel – Thüringens Wirtschaft und Kommunen zukunftsfest aufstellen
Antragstext
Thüringen steht vor einem tiefgreifenden demografischen Umbruch. Nach aktuellen
Prognosen wird die Bevölkerung bis 2045 um rund 15 Prozent auf etwa 1,8
Millionen Menschen schrumpfen. Noch stärker trifft es den Arbeitsmarkt: Die Zahl
der Erwerbspersonen sinkt um 18 Prozent, was den Fachkräftemangel weiter
verschärft. Zugleich altert die Gesellschaft deutlich – schon 2035 wird fast
jede dritte Person in Thüringen älter als 65 Jahre sein, während der Anteil
junger Menschen zurückgeht. Ursache ist vor allem, dass jedes Jahr rund 19.000
Menschen mehr sterben als geboren werden. Der angenommene Zuwanderungsgewinn von
durchschnittlich rund 4.000 Personen pro Jahr kann diese Differenz nicht
ausgleichen. [Referenz: https://statistik.thueringen.de/th_2045/]
Wir können den demografischen Wandel nicht vollständig verhindern. Aber wir
können entscheiden, wie gut Thüringen mit ihm umgeht. Die demografische
Entwicklung verlangt vorausschauendes und gestaltendes Handeln anstelle von
politischem Stillstand. Nachhaltige Politik bedeutet, rechtzeitig Veränderungen
anzustoßen, statt Strukturen fortzuführen, die unter den Bedingungen von morgen
nicht mehr tragfähig sind. Das gilt für Wirtschaft und Arbeitsmarkt ebenso wie
für Verwaltung, Infrastruktur, Bildung und Daseinsvorsorge. Wer heute handelt,
kann den Wandel gestalten; wer notwendige Entscheidungen aufschiebt, macht sie
morgen schwieriger und teurer.
Thüringen verliert in den kommenden zwei Jahrzehnten vor allem Erwerbspersonen.
Deshalb brauchen wir mehr Menschen im Erwerbsleben – durch Zuwanderung und
Integration, höhere Erwerbsbeteiligung und bessere Vereinbarkeit von Familie und
Beruf. Gleichzeitig müssen Wirtschaft und Staat lernen, mit weniger
Arbeitskräften mehr Wertschöpfung und öffentliche Leistungen zu erbringen –
durch Digitalisierung, Automatisierung und eine moderne Verwaltung. Unsere
Infrastrukturen müssen wir an die Bevölkerung von morgen anpassen, statt die
Strukturen von gestern dauerhaft zu finanzieren.
Thüringen braucht eine integrierte Fachkräfte- und Erwerbsstrategie, die gezielt
internationale Fachkräfte und Studierende anwirbt und dauerhafte Integration
sichert. Das Land soll dafür insbesondere die Anerkennungsverfahren vereinfachen
und beschleunigen sowie Sprach- und Integrationsangebote ausbauen. Ein
Landesprogramm soll ausländische Studierende gezielt beim Übergang vom Studium
in den Thüringer Arbeitsmarkt unterstützen. Die Hochschulen sollen regionale
Fachkräftebedarfe mit internationalen Studienangeboten adressieren und den
Übergang von Absolvent*innen in regionale Beschäftigung aktiv fördern.
Ungenutzte Potenziale auf dem heimischen Arbeitsmarkt müssen besser erschlossen
werden. Dafür braucht es verlässliche Kinder- und Pflegebetreuung, den weiteren
Ausbau von Kita- und Ganztagsangeboten, mehr Möglichkeiten zur Qualifizierung
und Weiterbildung, inklusive Arbeitsplätze sowie gesunde und altersgerechte
Arbeitsbedingungen, die einen möglichst langen Verbleib im Erwerbsleben
ermöglichen. Auch flexiblere Möglichkeiten für Erwerbsarbeit im Ruhestand sollen
unterstützt werden. Zudem sollen kleine und mittlere Unternehmen (KMU) bei der
frühzeitigen Nachfolgeplanung und der Weitergabe von Erfahrungswissen
unterstützt werden.
Die Thüringer Landesregierung soll sich für eine offene und verlässliche
Willkommenskultur einsetzen, die Menschen unabhängig von ihrer Herkunft
willkommen heißt und ihnen verlässliche Wege in Gesellschaft, Ausbildung und
Arbeitsmarkt eröffnet. Die heimische Wirtschaft soll bei der Gewinnung und
Integration internationaler Arbeits- und Fachkräfte durch geeignete Angebote der
Wirtschaftsförderung unterstützt werden. Initiativen für ein weltoffenes
Thüringen sollen aktiv unterstützt werden.
Thüringen muss eine langfristige Demografie- und Strukturstrategie für Land und
Kommunen vorlegen. Kommunale Zuständigkeiten und Infrastrukturen wie Schulen,
ÖPNV, Wasser- und Abwasserversorgung sowie Energie- und Wärmenetze sind so zu
entwickeln, dass sie auch bei sinkenden Einwohnerzahlen eine gute Versorgung
sichern. Dabei sind Erreichbarkeit, Klimaverträglichkeit und Kosten zu
berücksichtigen.
Nicht überall kann und muss dieselbe Infrastruktur dauerhaft im heutigen Umfang
vorgehalten werden. Stattdessen sollen Landkreise, Kommunen und die Menschen vor
Ort gemeinsam regionale Lösungen finden, die zu Siedlungsstruktur,
Bevölkerungsentwicklung und lokalen Bedürfnissen passen. Dazu gehören
beispielsweise flexible und bedarfsgesteuerte Mobilitätsangebote wie Rufbusse,
aufsuchende Beratungs- und Unterstützungsangebote wie Dorfkümmer*innen oder
AGATHE sowie gemeinschaftlich getragene Nahversorgungsangebote wie Dorfläden.
Das Land Thüringen soll solche Modelle ermöglichen, erproben und ihre
Übertragbarkeit auf andere Regionen unterstützen.
Die Produktivität der Thüringer Wirtschaft muss steigen – ohne die Beschäftigten
durch höhere Arbeitsintensität zu überlasten. Das Land soll Digitalisierung,
Automatisierung, KI, Robotik und Technologietransfer insbesondere für KMU
fördern. Dabei sollen vor allem Tätigkeiten automatisiert werden, die monoton,
körperlich belastend oder besonders personalintensiv sind. So können
Beschäftigte entlastet und für andere Tätigkeiten eingesetzt werden. Potenziale
liegen in der automatisierten Qualitätskontrolle und Produktion, digitalen
Assistenzsystemen sowie der Automatisierung von Verwaltungs- und
Dokumentationsprozessen. Auch in Landwirtschaft und Pflege sollen neue
Technologien genutzt werden, um angesichts des Fachkräftemangels Arbeitskräfte
zu entlasten.
Der Erwerbstätigenrückgang wird auch im öffentlichen Dienst spürbar werden und
sollte proaktiv gestaltet werden. Land und Kommunen sollen den
Verwaltungsaufwand reduzieren, indem sie digitale Infrastrukturen gemeinsam
nutzen, Standardprozesse weiter automatisieren und KI unter Wahrung von
Datenschutz, Informationssicherheit und menschlicher Letztverantwortung sinnvoll
einsetzen. Dadurch werden die knappen Ressourcen von Fachkräften für komplexe
Aufgaben und den direkten Kontakt mit Bürger*innen frei.
Technologische Investitionen müssen mit Weiterbildung und guter
Arbeitsorganisation verbunden werden, damit Produktivitätsgewinne nicht durch
höhere Arbeitsintensität, sondern durch bessere Arbeitsbedingungen und den
Einsatz geeigneter Technologien entstehen. Insbesondere kleine und mittlere
Unternehmen sollen bei der dafür notwendigen Organisationsentwicklung
unterstützt werden. Gleichzeitig müssen die Voraussetzungen für den verstärkten
Einsatz digitaler Technologien geschaffen werden. Der Ausbau erneuerbarer
Energien, Stromnetze und Speicherkapazitäten ist deshalb zu beschleunigen, damit
Thüringen den zusätzlichen Energiebedarf neuer digitaler und automatisierter
Anwendungen zuverlässig, klimaverträglich, und kostengünstig decken kann.
Thüringen entwickelt seine Regionen nach dem Prinzip "Konzentration und
Erreichbarkeit": konzentrieren, wo Konzentration sinnvoll ist und Erreichbarkeit
sichern, wo Angebote nicht vor Ort bestehen können. Das heißt, Schulen,
medizinische Versorgung, Einkaufsmöglichkeiten, Verwaltung, Kultur und soziale
Infrastruktur werden dort gebündelt, wo dauerhaft tragfähige Angebote möglich
sind. Nicht jeder Ort kann dauerhaft alle Angebote selbst vorhalten.
Gleichzeitig müssen kleinere Orte und ländliche Räume erreichbar und lebenswert
bleiben.
Bei öffentlichen und geförderten Investitionen haben Erhalt, Umnutzung und
Weiterentwicklung bestehender Infrastruktur und Wohnraumbestände Vorrang vor
Neubau auf bislang nicht erschlossenen Flächen. Leerstände sollen durch
Sanierung, Umnutzung, Wohnungstausch und generationenübergreifendes Wohnen
wieder nutzbar gemacht werden. Orts- und Stadtkerne sind zu stärken und neue
Siedlungsentwicklung auf bereits erschlossene Bereiche zu konzentrieren.
Die Erreichbarkeit regionaler Zentren ist durch verlässlichen und
bedarfsgerechten ÖPNV, Rufbusse, sichere Radwegenetze und digitale Angebote zu
sichern. Das Land soll zudem ein Pilotprojekt für autonomes bzw. automatisiertes
Fahren im ländlichen Raum auf den Weg bringen, insbesondere für
bedarfsgesteuerte Mobilitätsangebote auf der ersten und letzten Meile.
Wer heute handelt und Lösungen findet, kann den Wandel gestalten. Wer notwendige
Entscheidungen aufschiebt, macht sie morgen schwieriger und teurer. Deshalb
brauchen wir den Mut zu echten Lösungen und einen mittel- und langfristigen
Blick. Gerade angesichts des demografischen Wandels ist vorausschauendes Handeln
nicht nur eine Option, sondern finanzielle und politische Notwendigkeit.
Unterstützer*innen
- Matthias Kaiser (KV Gotha)